Kurz und knapp – die wichtigsten Veranstaltungsinhalte im Überblick:
- Herausforderung: Angebote in der Prävention und Gesundheitsförderung erreichen oft nicht die Menschen, die sie am dringendsten benötigen.
- Erfolgsfaktoren: Eine frühzeitige Beteiligung der sogenannten „schwer erreichbaren“ Zielgruppen an der Gestaltung von Angeboten und die passgenaue Ansprache sind entscheidend.
- Schwer erreichbare Gruppen – wer ist das: Z. B. Kinder aus suchtbelasteten Familien, Menschen in Arbeitslosigkeit, ältere Menschen in schwierigen Lebenslagen, ehemals wohnungslose Männer, Menschen mit Beeinträchtigung und viele mehr.
- Hilfreiche Ansätze: Z. B. Zielgruppenbezug, Peer-to-Peer-Ansatz, Multiplikatorinnen- und Multiplikatoren-Konzept, niedrigschwellige Arbeitsweise und der Settings-Ansatz.
- Flexibilität bewahren: Die Ansprache muss so individuell und vielfältig sein, wie die Menschen selbst.
Weiter geht es mit dem vollständigen Veranstaltungsrückblick…
Nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen auf ein gesundes Leben. Die Gründe dafür sind vielfältig – etwa ein geringes Einkommen, ein niedriger Bildungsstand oder belastende Lebensumstände. Denn Gesundheit wird nicht nur individuell gestaltet, sondern ist stark vom sozialen Umfeld und den Lebensbedingungen geprägt. Viele Präventions- und Gesundheitsförderungsangebote erreichen nach wie vor hauptsächlich Menschen mit höherem Bildungsniveau und Einkommen. Oft, wenn auch unbewusst, sind diese Angebote in ihrer Struktur, Sprache oder Zugänglichkeit nicht auf die Lebensrealität benachteiligter Menschen zugeschnitten.
Doch wie gelingt Gesundheitsförderung bei Menschen, die häufig außen vor bleiben?
Menschen mit Beeinträchtigung, in Arbeitslosigkeit, in Wohnungslosigkeit oder mit geringen Deutschkenntnissen sind nur einige Beispiele für Bevölkerungsgruppen, die als „schwer erreichbar“ gelten. Sie verdeutlichen, wie unterschiedlich die Lebensumstände sein können, in denen klassische Angebote oft nicht greifen.
Aber: Es gibt Wege, diese und weitere Zielgruppen besser zu erreichen, ihre Teilhabe zu stärken und gesundheitliche Chancengleichheit zu fördern.
Genau darauf legte der von der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Bayern (KGC) organisierte Methoden-Workshop „Mit dabei statt dran vorbei!“ am 19.11.2025 den Fokus. Die Moderatorin des Tages Lene Herrigel, Referentin der KGC Bayern, begrüßte über 120 Teilnehmende im Veranstaltungszentrum des Evangelischen Handwerkervereins. Mit großem Interesse nahmen Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, Vereinen und Verbänden sowie Mitarbeitende aus Beratungsstellen und weiteren Tätigkeitsfelder an der Veranstaltung teil.
„Die Wege der Ansprache sind so unterschiedlich, wie die Menschen selbst“
Eröffnet wurde der Methoden-Workshop mit einem Grußwort von Iris Grimm (KGC Bayern). Sie machte deutlich, dass im Arbeitsfeld der Prävention und Gesundheitsförderung immer wieder die Frage auftaucht, warum bestehende Angebote häufig nicht die Menschen erreichen, die sie am dringendsten benötigen. Liegt es an fehlender Motivation, mangelndem Wissen oder an äußeren Faktoren wie Kosten, Uhrzeit oder Räumlichkeiten?
Ihre zentrale Botschaft: Die Antworten darauf können nur die Menschen selbst geben. Deshalb ist ihre frühzeitige Beteiligung an der Gestaltung von Angeboten entscheidend. Eine passgenaue Ansprache der Zielgruppen spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Sie betonte, dass die heutige Veranstaltung kein Patent-Rezept für alle sozial oder gesundheitlich benachteiligten Bevölkerungsgruppen liefert – denn „die Wege der Ansprache sind so vielfältig wie die Menschen selbst“. Vielmehr soll der Workshop mit einer Auswahl an Methoden und Praxisbeispielen Impulse für die eigene Arbeit vor Ort geben. Im Mittelpunkt stehen Austausch, Vernetzung und gemeinsames Lernen, um die Ansprache sozial benachteiligter Gruppen zu verbessern und die gesundheitliche Chancengleichheit zu fördern.
„Menschen vertrauen Menschen, die ihnen ähnlich sind“
Alexandra Petzinger (KGC Bayern) eröffnete den inhaltlichen Teil des Methoden-Workshops mit einem Fachvortrag zu wirkungsvollen Ansätzen für die erfolgreiche Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen. Ihre praxisnahen Impulse legten den Grundstein für die vertiefenden Workshops am Nachmittag. Vorgestellt wurden unter anderem Ansätze wie der Zielgruppenbezug, bei dem nicht die Menschen an bestehende Angebote angepasst werden, sondern die Angebote an die Bedürfnisse der Menschen. Der Peer-to-Peer-Ansatz setzt darauf, dass Menschen vor allem jenen vertrauen, die ihnen ähnlich sind. Das Multiplikatorinnen- bzw. Multiplikatoren-Konzept nutzt Schlüsselpersonen als Brücken, um den Zugang zu erleichtern. Mit dem Setting-Ansatz wird Gesundheitsförderung dort verankert, wo Menschen leben, lernen, arbeiten und lieben. Ergänzt wird dies durch eine niedrigschwellige Arbeitsweise, die Barrieren abbaut und den Zugang zu Angeboten erleichtert.
Präsentation: Theoretischer Input – Mit dabei statt dran vorbei; Alexandra Petzinger (KGC Bayern)
Fünf Praxisbeispiele zeigen, wie es gelingen kann!
Im Anschluss verdeutlichten die Kurzvorstellungen der fünf Praxisbeispiele im Plenum auf kreative und wirkungsvolle Weise, wie gesundheitlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen für Gesundheitsthemen sensibilisiert und angesprochen werden können. Dabei wurde gezeigt, welche Besonderheiten die jeweiligen Zielgruppen mit sich bringen und wie Angebote gezielt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen zugeschnitten werden können.
Workshops zum Aktivwerden und Austauschen
Nach der Mittagspause verteilten sich die Anwesenden auf fünf parallel stattfindende Workshops. In den Workshops konnten die Teilnehmenden tiefer in eines der fünf im Plenum vorgestellten Praxisbeispiele eintauchen und sich mit anderen Akteurinnen und Akteuren austauschen sowie selbst aktiv werden.
Wildfang – ein naturgestütztes Projekt für Kinder aus suchtbelasteten Familien: Ist die Zielgruppe schwer „einzufangen“ oder was braucht es für ein Gelingen?
Im ersten Workshop stellten Tanja Meier vom Landratsamt Traunstein und Astrid Heyl von der Caritas Bamberg-Forchheim das Projekt „Wildfang“ vor. In Deutschland leben rund 2,6 Millionen Kinder mit suchtkranken Eltern (BZgA 2023). Das Angebot existiert seit 2020 in Bamberg und richtet sich kostenfrei an Kinder von acht bis 12 Jahren aus suchtbelasteten Familien. Ziel ist es, die Kinder zu stärken, ihnen für einige Stunden einen geschützten Raum zu geben und Gemeinschaft mit Gleichaltrigen zu ermöglichen. Das zweimonatige Programm kombiniert Naturerlebnisse wie ein Waldlager mit pädagogisch begleiteten Gruppeneinheiten zu Themen wie Selbstwert und dem Umgang mit der familiären Situation.
Im Workshop widmeten sich die beiden Referentinnen der Frage, ob die Zielgruppe schwer „einzufangen“ ist oder was es für ein Gelingen benötigt. Die Kinder sind die primäre Zielgruppe, jedoch spielen auch die Eltern und Angehörigen als sekundäre sowie Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren wie Familienhelfer, Lehrer, Erzieher und Jugendsozialarbeit als tertiäre Zielgruppe eine entscheidende Rolle. Die Erreichbarkeit gestaltet sich aus vielen Gründen schwierig: fehlendes Problembewusstsein, die oft nicht gegebene Zustimmung beider Elternteile, zusätzlicher organisatorischer Aufwand für die Familien sowie das Tabuthema Sucht, welches Präventionsarbeit häufig unerwünscht macht.
Die Teilnehmenden erarbeiteten verschiedene Strategien, um die Zielgruppe zu erreichen und um das Projekt nachhaltig umzusetzen. Dazu gehören lebensweltorientierte Zugänge über Schule, Hort, Mittagsbetreuung, Freizeiteinrichtungen und Vereine sowie der Multiplikatorinnen- bzw. Multiplikatoren-Ansatz mit Lehrkräften, Jugendhilfeträgern und dem Jugendamt als Türöffner. Digitale und anonyme Zugänge sowie lokale Netzwerkkooperationen, insbesondere mit Gesundheits- und Jugendamt, sind ebenso wichtig wie eine konsistente Materialpräsenz. Frustrationstoleranz und Ausdauer sind entscheidend, denn die Ansprache der Eltern erfordert Geduld und wiederholte Kontaktaufnahme. Kreative Öffentlichkeitsarbeit wie Kinoveranstaltungen oder Telefonaktionen sowie der Start mit motivierten Familien als Türöffner können den Zugang erleichtern: „Man muss das Projekt bewerben, bis man es selbst nicht mehr hören kann“.
Fazit: Die Arbeit mit Kindern aus suchtbelasteten Familien erfordert hohe Sensibilität, intensive Netzwerkarbeit und Ausdauer. Neben den Kindern sind auch Eltern und Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren entscheidend für den Zugang. Wer für das Thema brennt und breit vernetzt ist, kann das Projekt erfolgreich etablieren.
Kurzvorstellung im Plenum: Präsentation „Wildfang“; Tanja Meier (Landratsamt Traunstein) & Astrid Heyl (Caritas Bamberg-Forchheim)
Ergebnisse des Workshops: Präsentation und Ergebnissammlung
Gemeinsam aktiv – Ansätze zur Erreichbarkeit von Menschen in Arbeitslosigkeit
Im zweiten Workshop „Gemeinsam aktiv“ stellten die Referentinnen Nicola Galm (Gesundheitsregionplus Unterallgäu-Memmingen), Sonja Kadlec-Herteux (Jobcenter Unterallgäu) sowie Amelie Fürbeck und Julia Gröger (LZG Bayern) Ansätze zur Erreichbarkeit von Menschen in Arbeitslosigkeit im Rahmen des Programms teamw()rk für Gesundheit und Arbeit vor.
Teamw()rk ist ein bundesweites Programm, gefördert vom GKV-Bündnis für Gesundheit, welches Menschen in Arbeitslosigkeit dabei unterstützt, ihre Gesundheit zu stärken und dadurch ihre Chancen auf Teilhabe und Beschäftigung zu verbessern. Es setzt auf regionale Netzwerke, individuelle Ansprache und niedrigschwellige Angebote, um gesundheitliche Stabilität als Grundlage für berufliche Perspektiven zu fördern.
In diesem Workshop wurde der Programmstandort Unterallgäu näher beleuchtet, wo frühzeitig vernetztes Denken und Handeln etabliert wurde. Aus den drei Perspektiven – Programmbetreuung der LZG Bayern, Jobcenter und Gesundheitsregionplus – wurden Erfahrungen und Herausforderungen zur Zielgruppenansprache diskutiert.
Zunächst wurde anhand eines Fallbeispiels erarbeitet, wie Menschen in Arbeitslosigkeit erreicht werden können. Zentrale Erkenntnis: Gesundheit ist die Grundlage für alles. Wichtig ist, Zugehörigkeit zu schaffen, Verständnis für die individuelle Situation aufzubringen und Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. „Wir können unsere Kundinnen und Kunden nicht verändern – aber wir können unsere Haltung ihnen gegenüber verändern“, lautete eine prägnante Erkenntnis.
Als entscheidend für den nachhaltigen Erfolg wurde die Einbindung in regionale Netzwerke hervorgehoben, um den Zugang zu Angeboten der Gesundheitsförderung und Prävention zu ermöglichen. Ziele sind dabei die Weitergabe von Informationen, die Öffnung bereits bestehender Angebote für weitere Zielgruppen oder die gemeinsame Entwicklung von Angeboten. Ressortübergreifende Zusammenarbeit spart Ressourcen und schafft Mehrwert, beispielsweise durch einen von der Gesundheitsregionplus organisierten Gesundheitstag, der für alle offen ist, aber gezielt über das Jobcenter beworben werden kann. So lassen sich Menschen in Arbeitslosigkeit direkt erreichen, da sie ohnehin in Kontakt mit dem Jobcenter stehen.
Im Anschluss an die Gruppendiskussion bearbeiteten die Teilnehmenden drei Leitfragen an Arbeitsinseln:
- Wie und wo können wir Menschen in Arbeitslosigkeit erreichen?
- Mit welchen Partnerinnen und Partnern arbeiten Sie zusammen und wie?
- Welche Erfahrungen haben Sie mit der individuellen Ansprache?
Fazit: „Arbeit ist weit mehr als Lohnerwerb“ – sie bedeutet Teilhabe und Struktur. Um die heterogene Zielgruppe von Menschen in Arbeitslosigkeit zu erreichen, braucht es Haltung, eine ganzheitliche Betrachtung, Netzwerke, Zusammenarbeit und kreative, niedrigschwellige Zugänge.
Kurzvorstellung im Plenum: Präsentation „teamw()rk für Gesundheit und Arbeit“; Amelie Fürbeck (LZG Bayern)
Ergebnisse aus dem Workshop: Präsentation; Nicola Galm (Gesundheitsregionplus Unterallgäu-Memmingen), Sonja Kadlec-Herteux (Jobcenter Unterallgäu) & Julia Gröger (LZG Bayern) und Ergebnissammlung
Ältere erreichen – Rikscha als „Einstieg“
Der dritte Workshop wurde von Uta Barusel (Stadt Erlangen) geleitet und widmete sich der Frage, wie ältere Menschen – insbesondere die „unsichtbaren Älteren“ – erreicht werden können. Ausgangspunkt war das Projekt „Gesund älter werden in Büchenbach-Nord“ des Amts für Sport und Gesundheitsförderung der Stadt Erlangen, das über das GKV-Bündnis für Gesundheit gefördert und mit dem Bayerischen Präventionspreis ausgezeichnet wurde.
Als innovativer Ansatz wurde das Rikscha-Projekt vorgestellt, das mittlerweile vollständig ehrenamtlich getragen wird. Durch die direkte empathische Ansprache älterer Erwachsener und einer zentralen Rikscha-Station mitten im Stadtteil wird ein niedrigschwelliger Zugang geschaffen. Sichtbarkeit, kostenlose Nutzung, eine einfache Vorbestellung per Festnetznummer und das Eingehen auf die Wünsche der Zielgruppe sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Ebenso wichtig sind Vertrauen und Zeit sowie die Peer-to-Peer-Bewerbung der Rikscha. Die Rikscha-Fahrten fördern nicht nur die Mobilität, sondern stärken zudem die soziale Teilhabe. Außerdem können auch gesundheitsförderliche Angebote beworben werden.
Durch Rollenspiele zu fiktiven Charakteren konnten die Teilnehmenden versuchen, sich besser in die Zielgruppe älterer Menschen hineinzuversetzen. Anschließend arbeiteten die Teilnehmenden in Kleingruppen an der Frage, wie die fiktiven Charaktere zu Angeboten motiviert werden könnten. Leitfragen waren unter anderem „Was braucht diese Person?“ und „Was holt sie von der Couch?“.
Fazit: Das Rikscha-Projekt zeigt, wie niedrigschwellige, sichtbare und empathische Angebote ältere Menschen erreichen und ihre Gesundheit fördern können. Das Projekt verbindet Mobilität, Kommunikation und Teilhabe und schafft damit einen wertvollen Einstieg in Prävention und Gesundheitsförderung.
Kurzvorstellung im Plenum: Präsentation „Rikscha“; Uta Barusel (Stadt Erlangen)
Ergebnisse aus dem Workshop: Ergebnissammlung
Zugänge schaffen zu ehemals obdachlosen wohnungslosen Männern – wie kann das gelingen?
Im vierten Workshop zeigten Christian Jäger und Stephanie Koller vom Katholischen Männerfürsorgeverein München e. V. (kmfv), wie es gelingen kann, Zugänge zu ehemals obdachlosen und wohnungslosen Männern zu schaffen. In München leben in etwa 10.000 wohnungslose Menschen (ohne Mietvertrag) und etwa 350 Obdachlose, die auf der Straße leben – oft unsichtbar und verteilt im Stadtgebiet. Erkenntnisse wie die aus der Fichter-Studie (1997) verdeutlichen die besondere Problemlage dieser Zielgruppe: deutlich höhere Erkrankungsraten, Mehrfachdiagnosen, Suchterkrankungen und komplexe psychische Belastungen. Diese Situation erfordert besondere Zugänge, Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen.
Die Einrichtungen des kmfv, wie das Haus an der Knorrstraße und das Adolf-Mathes-Haus, bieten differenzierte Hilfen: von stationären Wohnheimen, Vollverpflegung und Einzelzimmern über tagesstrukturierende Maßnahmen bis hin zu sozialpädagogischer Begleitung, Freizeitangeboten und psychologischer Betreuung. Der Fokus liegt auf alleinstehenden, volljährigen Männern, die wohnungslos sind und häufig psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen haben. Im Adolf-Mathes-Haus liegt der Schwerpunkt zusätzlich auf Schulden und Arbeitslosigkeit. Ziel ist es, die Gesundheit zur unterstützen, den Zugang zu medizinischer Versorgung zu sichern, Selbstständigkeit zu fördern und langfristige Hilfen wie ambulante Wohnformen, Suchtfachkliniken oder psychiatrische Kliniken zu ermöglichen.
Die Zielgruppe bringt besondere Herausforderungen mit sich: wenig Ressourcen, kaum familiärer Rückhalt, Misstrauen gegenüber dem Hilfesystem und zahlreiche gesundheitliche Probleme. Im Workshop setzten sich die Teilnehmenden intensiv mit Praxisbeispielen und Zugangsstrategien auseinander. Dabei wurden folgende zentrale Ansätze hervorgehoben: Wichtig sind eine niedrigschwellige Ansprache, Vertrauensaufbau zur Zielgruppe und dieser genügenden Zeit zu geben: Viele Betroffene kommen mit kaum mehr als „zwei Plastiktüten“ und werden zunächst in Ruhe gelassen, bevor sie behutsam in passende Angebote geführt werden; denn, „wenn die Personen einmal weggeschickt werden, kommen sie nie wieder“. Beziehungsarbeit spielt eine entscheidende Rolle, da Begleitung zu Terminen oft notwendig ist – allein gehen die Betroffenen selten. Darüber hinaus ist Vernetzung essenziell, um Ressourcen zu bündeln, Koordinationsstellen einzubeziehen und über Peer-to-Peer-Arbeit Zugehörigkeit zu schaffen. Auch kreative Zugänge wie Spaziergänge oder einfache Bewegungsangebote können als Gesprächsanlass dienen. Schließlich erfordert die Arbeit eine hohe Sensibilität für Hürden wie Datenschutz, Scham und individuelle Lebensentwürfe, die unter dem Stichwort „Recht auf Verwahrlosung“ respektiert werden müssen.
Fazit: Die Arbeit mit ehemals wohnungslosen Menschen erfordert Geduld, Empathie und ein hohes Maß an Flexibilität. Erfolgsgeschichten entstehen nicht über Nacht – entscheidend sind niedrigschwellige Angebote, kontinuierliche Ansprache und ein starkes Netzwerk, das medizinische, soziale und psychologische Hilfen verbindet.
Kurzvorstellung im Plenum: Präsentation „Wohnungslose Männer“, Christian Jäger & Stephanie Koller (kmfv)
Ergebnisse aus dem Workshop: Ergebnissammlung
Die Connecting Challenge: Wie erreiche ich Menschen mit Behinderung/Beeinträchtigung? Erfahrungsaustausch aus dem Best Practice Projekt „GEWO Gesundheits-Challenge“
Wie Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung erreicht werden können, zeigten Anargiros Tsopouridis von der GEWO Gesundheits-Challenge (Lebenshilfe im Nürnberger Land e. V.) und Karin Tsopouridis von der Rummelsberger Diakonie im fünften Workshop. Die GEWO Gesundheits-Challenge ist eine inklusive Initiative, die Menschen mit und ohne Behinderung für Bewegung, gesunde Ernährung und Prävention begeistert. Die Kernidee: Jede bzw. jeder kann mitmachen – unabhängig von Alter, Fähigkeiten oder Einschränkungen. Die Teilnahme ist kostenlos und bewusst niedrigschwellig gestaltet. Über mehrere Wochen erfassen die Teilnehmenden Aktivitäten wie Laufen, Radfahren, Fitnessübungen und sogar Kochen, die dokumentiert und geteilt werden. Ziel ist es, Gesundheitsförderung alltagsnah und für alle zugänglich zu machen.
Im Workshop arbeiteten die Teilnehmenden in zwei Gruppen. Die erste Gruppe entwickelte einen Leitfaden für ein offenes Tanzangebot: ein niedrigschwelliges Bewegungsangebot, das Spaß macht und sich an migrantische Frauen mit und ohne Behinderung richtet. Wichtige Punkte waren hierbei die Nutzung einfacher Bildsprache, die Wahl eines Nachbarschaftstreffs als Ort sowie die Kommunikation über Piktogramme, WhatsApp-Gruppen, Instagram, Newsletter und Multiplikatorinnen bzw. Multiplikatoren. Die zweite Gruppe erarbeitete Strategien für eine ansprechende Kommunikation unter der Leitfrage „Wie erreiche ich alle/diverse Teilnehmerinnen und Teilnehmer?“. Genannt wurden direkte Ansprache über Peer-to-Peer-Kontakte und persönliche Netzwerke, die Einbindung der Zielgruppe durch Partizipation und attraktive Anreize sowie eine breite Palette an Kommunikationsmitteln, sowohl analog (Plakate, Flyer) als auch digital (Social Media, Newsletter). Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie prominente Botschafterinnen bzw. Botschafter wurden ebenso als wirkungsvolle Hebel genannt. Barrierefreiheit der Sprache, durch z. B. Gebärdensprache, Blindenschrift oder Leichte Sprache sowie kreative Ansätze und Reminder ergänzen das bedarfsorientierte Vorgehen.
Fazit: Niedrigschwellige Angebote, klare Kommunikation und Vernetzung sind entscheidend, um Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung zu erreichen. Die GEWO Gesundheits-Challenge zeigt, wie Inklusion, Bewegung und Prävention erfolgreich miteinander verbunden werden können.
Ergebnisse aus dem Workshop: Ergebnissammlung
Weitere Informationen zur GEWO Gesundheits-Challenge finden Sie hier.
Markt der Möglichkeiten
Beim abschließenden „Markt der Möglichkeiten“ präsentierten die Workshop-Referierenden ihre Ergebnisse, sodass alle Teilnehmenden einen Einblick in die Inhalte und Ansätze der anderen Workshops gewinnen konnten. Bei Kaffee und Kuchen bot der Markt der Möglichkeiten allen Veranstaltungsteilnehmenden zudem eine Gelegenheit zum Austausch, zur Vernetzung und zur Mitnahme neuer Impulse für die eigene berufliche Praxis.
Die Veranstaltung hat gezeigt, wie wichtig es ist, Angebote nicht nur für Menschen zu entwickeln, sondern gemeinsam mit ihnen. Frühzeitige Beteiligung, passgenaue Ansprache und der Abbau von Barrieren sind entscheidend, um gesundheitliche Chancengleichheit zu fördern. Die Praxisbeispiele machten deutlich, wie vielfältig die Wege sind, um schwer erreichbare Zielgruppen für Gesundheitsförderung zu gewinnen. Sie verdeutlichten, dass es kein einheitliches Rezept zur erfolgreichen Zielgruppenansprache gibt, aber Prinzipien wie das Multiplikatorinnen- bzw. Multiplikatoren-Konzept, Vernetzung, Peer-to-Peer-Ansätze und kreative, niedrigschwellige Zugänge, die Vertrauen schaffen und Teilhabe ermöglichen, sind fast überall erfolgsversprechend. Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte Gruppen erfordert Flexibilität, Empathie und den Mut, neue Wege zu gehen.
Haben Sie Fragen zur Arbeit der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Bayern? Vielleicht möchten auch Sie Aktivitäten oder Projekte zur Förderung der gesundheitlichen Chancengleichheit ins Leben rufen oder haben weitere Fragen zur effektiven Zielgruppenansprache? Dann wenden Sie sich gerne an das Team der KGC Bayern. Mehr Informationen finden Sie hier.

















